Einraumhaus c/o Mannheim

von Myriam Holme & Philipp Morlock

Das Einraumhaus ist ein temporäres, flexibles Ausstellungskonzept von Myriam Holme und Philipp Morlock, das in jeder Stadt verwirklicht werden kann. Dank der Unterstützung des Kulturamts Mannheim konnte es erstmals auf dem Alten Messplatz in Mannheim präsentiert werden.

Seit 2010 führte das von Myriam Holme und Philipp Morlock konzipierte Einraumhaus c/o Mannheim ein eigenes kulturelles und künstlerisches Leben.

Die Vernetzung unterschiedlicher Ebenen in der Auseinandersetzung mit Bildender Kunst ist Ausgangspunkt dieses Konzepts. c/o Mannheim beschreibt hier das temporäre Verweilen in Mannheim genauso, wie die Zusammenkunft von Kunstinteressierten, Sammlern, Künstlern und kunstneugierigen Bürgern der Stadt: im Sinne der Abkuürzung c/o: to care of. Dieses dialogische Grundprinzip von sich Begegnen und Austauschen findet seinen Weg in die Stadt hinein und aus der Stadt heraus unter anderem durch das Einbeziehen von vor Ort lebenden Sammlern und Künstlern. Philipp Morlock und Myriam Holme ist es mit dem Projekt Einraumhaus c/o Mannheim gelungen einen Ausstellungsort im öffentlichen Raum zu etablieren. Über die Funktion als Ausstellungsfläche hinaus, ist auf dem Alten Messplatz in Mannheim ein lebendiger Treffpunkt entstanden, an dem es immer wieder zu Vernetzungen, überraschenden Begegnungen und interessanten Gesprächen kommt.







Als die Tage bereits kürzer, das Wetter ungemütlicher und es merklich feuchter wurde, verabschiedete sich mit einem entfernt plötzlich auftauchenden, schillernden Regenbogen ein seltsames Gebäude von seinem Standort, an dem es über vier Wochen lang als Gast gestrandet war: dem Alten,  2007 neu gestalteten Messplatz in Mannheim. Eine nach Nord-Osten verlaufende außerordentlich sentimentale und chronologische Anordnung vergangener Zweckbauten – das Jugendstilgebäude Alte Feuerwache mit seinem elegant markanten Schlauchturm, gefolgt von den brutal markanten, monumentalen Neckarhochhäusern – brach das von den Künstlern Myriam Holme und Philipp Morlock so genannte Einraumhaus c/o Mannheim auf, obwohl es doch wie ein Relikt vor unserer Zeit wirkte. Archaisch aus gerosteten, miteinander sichtbar vernieteten Metallplatten konstruiert, war das offene Zeltdach der Hausform mit einer schwebenden Glaspyramide bekrönt. Im Inneren warteten weiß getünchte Wände und Holzbohlen auf, und standen somit in ähnlichem Kontrast zum Äußeren, wie die Feuerwache und das Neckarhochhaus dahinter. Mit seinem quadratischen Grundriss (der Innenraum maß 4x4m) schlug das Einraumhaus an seinem Standort Neckarstadt eine formale Brücke, zu der von Kurfürst Friederich IV. von der Pfalz choreografierten Quadratur der Innenstadt. Doch zu welchem Zweck wurde es aufgebaut und was beherbergte das geheimnisvolle Haus, das nur durch eine schmale, weiße Tür zu betreten war?

Neugierige Passanten, Wissende und Kinder, die sowohl neugierig als auch wissend sind, konnten darin in der Zeit vom 8. Juli bis 27. August 2010 zeitgenössische Kunst betrachten. Kunstwerke, im steten Wechsel direkt aus den Werkstätten der Künstler oder aus den Wohnungen von Sammlern, wurden in den white cube des Einraumhauses – dies selbst ein (begehbares) Kunstwerk – getragen und dort aufgehängt, aufgebaut, aufgestellt und in einigen Fällen auch benutzt. Das Einraumhaus war, so sein Erbauer Philipp Morlock, als „Schutzraum“ gedacht, der die Kunst vor der Öffentlichkeit absichern, aber gleichsam ein Betrachten der Kunst erst ermöglichen sollte. So war unweit des Refugiums eine weitere Skulptur auf einem „schatzkistenartigen“ Holzsockel platziert, deren Titel diese Assoziation verstärkte: „Wächterskulptur“. Diese mit blau-schwarzer Ölfarbe überzogene Figur erinnerte mit seinen vier, nun zum heiklen Stillstand auf dem Sockel gezwungenen Rädern an eine Kutsche, und demonstrierte doch von Weitem betrachtet eine Schutzfunktion, nicht zuletzt aufgrund des keilförmig und abgerundeten Überzugs und einer physischen Nähe zu dem Haus.

Innerhalb der strukturalistischen Raumauffassung, die mit dem von Gilles Deleuze geprägten Begriff des „reinen spatiums eng verknüpft ist, zielt die deutsche Bezeichnung „Raum“ auf das Volumen, während der romanische Ausdruck eine Ausdehnung beinhaltet, von der die Vokabel „Spazieren“ abgeleitet ist. In diesem Sinne wanderte das Einraumhaus nach seinem Abbau aus Mannheim in den Tiefhof der Stuttgarter Galerie ABTART. Dort wurde das bereits in der Quadratestadt erprobte Ausstellungskonzept vom 16. September bis 18. Dezember 2010 überregional fortgesetzt. Aus dem Einraumhaus c/o Mannheim wurde daraufhin das Einraumhaus c/o Stuttgart. Die Namensgebung wird diesen Standortwechsel zukünftig verdeutlichen. Dieser Spaziergang war es, der schließlich für eine Eingebung bei den Machern sorgte – eine Laune der Natur oder ein Geistesblitz ist in diesem Falle unerheblich –, nicht nur innerhalb eines deutschen Bundeslandes zu agieren, sondern das Konzept zu erweitern und somit das Haus über die innerdeutschen Grenzen hinaus und physisch für geraume Zeit auf Reisen zu schicken. So änderte das Einraumhaus nach einer längeren Planungsphase vom 5. November bis 13. November 2011 erneut seinen Namen und wurde in der albanischen Hauptstadt Tirana aufgebaut (Einraumhaus c/o Tirana). Doch um die Wirklichkeit der Verwurzelung des Hauses in Mannheim deutlich zu machen, erhielt es mit Einraumhaus c/o Europe, wie es im gesamten Zeitraum ohne vorgesehenen Standort genannt wird, einen Bruder. Deutlich größer gewachsen und nur einen gekonnten Steinwurf von der Geburtstätte des anderen entfernt , steht seit dem 26. November 2011 das neue, über 9m breite und 6,65m hohe Stammheim Einraumhaus c/o Mannheim.Einem Satelliten gleich“ soll künftig der kleinere Bruder um den großen Bruder, den Heimatplaneten kreisen, und einen künstlerischen Austausch mit dem Ausland ermöglichen. Für eine bestimmte Zeitspanne werden deutsche Künstler im Ausland ausstellen, während Künstler aus jenem Standortland in Mannheim gezeigt werden. Diesem erheblich in seinen Dimensionen gewachsenen, rechteckigen Raumformat wurden nun zwei Wächterskulpturen zur Seite gestellt, die aber – diesem neuen, aktiven Austauschkonzept geschuldet – als „Wandermönche“ bezeichnet werden. Über eine Rampe nähert man sich dem neuen Domizil, und bemerkt erst wenige Zentimeter vorher die besondere Haptik der Außenfassade, die bei einem noch genaueren Blick gespachtelte Spuren aus Teer entdecken lassen.

 Ferner wird eine zusätzliche Erweiterung des Konzepts erprobt. Für die nächsten drei Jahre werden aus den laufenden Ausstellungen heraus Kunstwerke für eine Einraumhaussammlung erworben. Dies könnte einem weiteren Gastauftritt des Ausstellungskonzepts anzurechnen sein. Für den Abend des 11. Januar 2011 sorgte der Förderkreis für die Kunsthalle Mannheim e.V. dafür, dass im Jugendstil-Kernbau der Kunsthalle Künstler und Arbeiten aus der ersten Phase vorgestellt wurden. Ohne den, dank des institutionellen Rahmens obsolet gewordenen Schutzraum Haus, waren auf dem mit schwarzen Schieferplatten ausgekleideten Fußboden neben den dauerhaft dort aufgestellten Skulpturen aus der Sammlung der Kunsthalle Mannheim mit weißem Klebeband quadratische Grundrisse (der Innenfläche des ersten Einraumhauses folgend) gezeichnet, innerhalb derer die Arbeiten ausgestellt waren. Im Übrigen wird es auf dem neuen Grundstück institutionelle Verkaufsräume wie ein Museumscafé (Bar) und einen Museumsshop geben, die den Prozess zu einer Kunst vermittelnden Bildungsanstalt vorantreiben werden.

Diese verschiedenen, bereits zur Sprache gekommenen, relationalen Momente fügen sich wie Splitter aus zu Bruch gegangenen Brillengläsern aneinander, die von Myriam Holme und Philipp Morlock neu zusammengesetzt wurden. Das ermöglicht nun einen neuen, gleichermaßen wie durch ein Plus- und Minusglas parallel gesehenen Blick, der territoriale Grenzen verwischt, und dennoch einen regionalen Fokus auf die einzelnen, vorgesehenen Länder legt. Die Idee der bipolaren Verbundenheit war es, die am letzten Tag des ersten Einraumhaus c/o Mannheim aus dem am Himmel erschienen, optisch-atmosphärischen Phänomen des Regenbogens herauswuchs, und wie der Stern von Bethlehem als Wegweiser diente: Um das bis dahin noch unbekannte Neue nur denen zu verkünden, die eine lange und teils beschwerliche Reise in Kauf nehmend bereit waren. Dank gebührt Myriam Holme und Philipp Morlock, den beiden Weisen aus der Quadratestadt.        

 

 







Das Mannheimer Einraumhaus am Alten Messplatz ist das Werk von zwei Künstlern, deren Gestaltungskraft so stark ist und so weit reicht, dass sie ein ganzes Stadtviertel nach ihren Bedürfnissen gestaltet haben. Denn das ist es, was letztlich geschah: Das Einraumhaus hat dem Alten Messplatz und damit der ganzen Neckarstadt ein neues, ein kreatives Gesicht gegeben. Myriam Holme kämpft seit Jahren dafür, mehr kreatives und intellektuelles Input für die in Mannheim ansässigen Künstler in die Stadt zu holen. Das intellektuelle Bedürfnis der Malerin und der Schaffens- und Gestaltungsdrang des Bildhauers fanden zusammen: Komm, wir bauen ein Haus, sagten sie sich wohl eines Tages einfach so beim Frühstück, ein Haus, in dem wir künstlerische Positionen zeigen können, die uns berühren und an denen wir uns reiben wollen. Und wir wollen Musiker einladen, die abends in unserem Haus spielen, die Musik und Performance präsentieren, die man nirgendwo sonst in Mannheim zu sehen oder zu hören bekommt. Eine derart spannende Vision zu erarbeiten und schließlich auch in die Tat umzusetzen ist eigentlich schon ein gigantischer künstlerischer Akt, bedenkt man, dass diese Idee am Alten Messplatz bereits seit 3 Jahren trägt. Vom ersten Tag an hat Myriam Holme die künstlerische Leitung übernommen und uns ein Ausstellungs-, Konzert- und Filmprogramm geliefert, das sich sehen lassen kann. Wie ernst der Künstlerin der Wunsch nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der Arbeit anderer Künstlerkollegen war und wie tief sie sich während der letzten Jahre in diese Auseinandersetzung hineinbegeben hat, zeigt ein weiteres künstlerisches Projekt, das sie noch „so nebenbei“, neben all dem Ausschau halten und organisieren, bewältigt hat: Die Malerin Myriam Holme hat für jede Ausstellung, für jeden eingeladenen Künstler ein eigenes Ausstellungsplakat gemalt. Eine schönere und liebevollere Geste, ein aufmerksameres Willkommen kann man sich in der Kunst nicht vorstellen. Mit der eigenen Malerei auf die Arbeit des anderen reagieren. So ist über die Jahre hinweg eine beeindruckende und auch bezaubernde Serie an Ausstellungsplakaten entstanden. Und man kann sich sofort vorstellen, worin die enorme Schwierigkeit dieser Plakate lag: Sie sollten eine Hommage an die Arbeit des jeweiligen Gastes sein und gleichzeitig eine künstlerische Arbeit von Myriam Holme bleiben. Diese Herausforderung hat sie mit Bravour gemeistert. Jeder der ihre äußerst beeindruckenden malerischen Arbeiten kennt, sieht sofort: Es ist eine Arbeit von Myriam Holme – und dennoch spiegelt sie, oft nur durch die Dynamik des Pinselstrichs oder die Auswahl der Farben EXAKT die Arbeit des Künstlerkollegen. Mit einem Blick ermittelt Holme die Essenz der bildnerischen Arbeit des anderen und übersetzt sie in die eigene Sprache, das eigene Formvokabular. So kann man sich auf der Leinwand die Hand reichen. Wäre heute jegliche Ausstellungspraxis von einer derart intensiven Auseinandersetzung geprägt, müssten wir uns nicht mehr mit lästigen Mainstream-Blockbustern herumquälen. Und die wunderbare Kunst der Plakatmalerei, die in den 1960er-Jahren durch den Offset-Druck ersetzt wurde, würde auf die Wände der Musentempel zurück kehren. Danke Myriam Holme.

 Dr. Kerstin Skrobanek













Mit dem Komponisten Ralf Haarmann verbindet Myriam Holme nicht nur eine langjährige Freundschaft , sondern auch mehrere Kooperationen. Neben diversen Platten und CD-Cover für Ralf Haarmann und seine verschiedenen Projekte, auch zwei Klangperformances, die für die jeweiligen Ausstellungsorte und Ausstellungsstücke komponiert wurden. Das erste Stück "fürsichstehend" wurde im Rahmen der Ausstellung "Neue Alchemie" (2009) im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster in der Installation von Myriam Holme aufgeführt.Das zweite Stück "umgeben von stille" wurde in der Rauminstallation "von donnerloser wucht" (2011) in der Galerie Kadel Wilborn in Karlsruhe uraufgeführt. Beide Stücke sind von Ralf Haarmann komponiert. Die Klänge sind teilweise beim Arbeiten an den Kunstwerken im Atelier von Myriam Holme aufgenommen, teilweise wird auf den Arbeiten vor Ort "gespielt", teilweise Klänge nachbereitet. Neben Klängen und Geräuschen kommen Textfragmente aus dem Buch "Die fünf Sinne" von Michel Serres zum Einsatz (gesprochen von Jochen Lagner und An Kuohn).